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Tanja Selzer in ihrem Atelier
Hautfarbe

27. November 2022

 | VON 

Ofir Dor


BETRACHTET MAN TANJA SELZERS GEMÄLDE AUS DEN LETZTEN JAHREN, SIEHT MAN FIGUREN, MEIST FRAUEN, MANCHMAL PAARE ODER GRUPPEN, MEIST NACKT, IN SEXUELLEN POSEN.


SIE WIRKEN VERTRAUT, OBWOHL ES SICH VIELLEICHT UM EINE ALTE ERINNERUNG HANDELT… UND DANN IST ES, ALS SÄHEN WIR SIE ETWAS VERSCHWOMMEN, DURCH EIN TELESKOP ODER DURCH EINEN BILDSCHIRM. 


Königskinder, 2018
Königskinder, 2018


Ich würde gerne fragen: Wer sind diese Figuren? Oder besser gesagt: Wer sind diese Figuren für dich? 


Tanja: Ich nehme die Figuren aus Pornofilmen. Für mich ist es wichtig, dass ich die Figuren nicht kenne, dass sie anonym sind, nur so können sie im Malprozess zu Projektionsflächen für meine eigenen Geschichten werden. Indem ich sie aus ihrem eigentlichen Kontext herauslöse, gewinnen sie die Möglichkeit einer neuen Wahrnehmung. 



Wie wählst du ein Bild aus diesem unendlichen Meer von Bildern aus? 


Tanja: Ich nehme die Bilder aus Filmen, und das kommt einfach aus meinem Bauch heraus. Mit der Zeit habe ich jedoch festgestellt, dass es oft ein Moment ist, in dem die Menschen die Kamera vergessen und dadurch selbstvergessen werden.


Flora 1, 2021
Flora 1, 2021


Könntest du sagen, was es an einem Bild ist, das deine Aufmerksamkeit erregt? Und wenn es das tut – was würdest du damit machen? Ist es die Freude am Anschauen? Am Verdauen? 


Tanja: Das ist sehr gut gesagt, es zu verdauen. Ich möchte dann ein Teil davon werden und auch, dass es ein Teil von mir wird. Die Malerei macht das möglich, weil sie so körperlich ist. 


Playing Venus 3 („Venus Spielen 3“), 2022
Playing Venus 3 („Venus Spielen 3“), 2022


Pornografie, Kunstgeschichte – wie siehst du die Beziehung zwischen den beiden? Oder sind das ein und dasselbe? 


Tanja: Wenn etwas zu einem Gemälde wird, gibt es immer eine Beziehung zur Kunstgeschichte. Außerdem finde ich es irgendwie lustig, dass die alten Meister immer die Mythologie als Alibi benutzt haben, um erotische Szenen zu malen. Und vielleicht benutze ich Pornografie als Alibi, um mythologische Szenen zu malen. 



Deine Farbpalette ist recht beständig. Wie würdest du deine Farbwahl beschreiben? Ist es ein Bildschirm, ein Vorhang? Fantasie? 


Tanja: Bei meiner Farbwahl bleibe ich sehr nah an der Natur oder an dem, was ich sehe. Es gefällt mir besser, nur leicht „neben“ den Farben zu sein, die ich sehe, es entsteht eine Verfremdung der Farbpalette. Haut, Wasseroberflächen und Blätter bieten schon so viele Farben, wenn man genau hinsieht. Fantasie spielt auch eine Rolle, aber ich versuche, sie in Bezug auf die Farbpalette subtil zu halten. 


Secret Milk („Geheime Milch“), 2018
Secret Milk („Geheime Milch“), 2018

Fühlst du dich wohl mit diesen Bildern? Oder sollen sie provozieren? Kritisieren? Anregen? Vergnügen bereiten? Pure Schönheit und Harmonie vermitteln? 


Tanja:


"DAS BEGANN MIT EINEM EXPERIMENT – ICH FRAGTE MICH, WAS PASSIERT, WENN ICH PORNOS MALE? WAS FÜR EIN BILD VOM MENSCHEN SEHEN WIR DORT EIGENTLICH? ICH BIN NICHT GRUNDSÄTZLICH DAGEGEN, ABER JE MEHR ICH MICH DAMIT BESCHÄFTIGTE, DESTO WENIGER KONNTE ICH MICH DAMIT ANFREUNDEN, UND ICH FRAGTE MICH, OB MALEREI EINE ANDERE SICHTWEISE ERMÖGLICHEN WÜRDE. PROVOKATION HAT MICH NIE INTERESSIERT, DAFÜR BIN ICH ZU ROMANTISCH." 




Ist es etwas Obszönes oder etwas Reines, das wir da gesehen haben? 


Tanja: Erotik und Sexualität sind etwas Natürliches, und ich wünsche mir, dass alle damit glücklich sind. 



Könntest du das Ziel deiner Malerei beschreiben? 


Tanja: Meine weibliche Sicht auf Erotik und Sexualität, menschliche Beziehungen und unseren natürlichen Ursprung. 


Roseate, 2017
Roseate, 2017

Butterfly Years („Schmetterlingsjahre“), 2018
Butterfly Years („Schmetterlingsjahre“), 2018


Bilder aus Tanja Selzers Ausstellung bei FRAMED Berlin, 2022 – Fotos von Katha Mau 






Von Ofir Dor 




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