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Ein Plakat für das FRAMED FEST 2024 „Adressen”
Wir stellen vor: Noam Gal, Kurator von „Adressen“ beim FRAMED FEST

30. Juni 2024

 | VON 

Ofir Dor


Hallo Noam, zunächst würde ich mich freuen, wenn du uns etwas über dich und deinen Schwerpunkt als Kurator erzählen könntest, nur eine kurze Einführung dazu, wie du an eine Ausstellung herangehst.



Noam: Hallo, ich bin Kurator und Akademiker und bewege mich beruflich gewissermaßen gleichzeitig auf mehreren Ebenen. In all meinen Rollen, als Kurator, Dozent und Forscher, arbeite ich ganz selbstverständlich mit Kunstwerken/innen und Künstlern/innen. Acht Jahre lang war ich Fotografie-Kurator am Israel Museum, dessen Sammlung, einfach gesagt, ein grenzenloser Himmel für jeden Kurator/in ist, eingebettet in eine der volatilsten sozialen Landschaften der Welt. Diese Erfahrung hat mir eine tiefe Demut gegenüber den Geschichten vermittelt, die wir aus Kunstwerken herauslesen, unabhängig von ihrer Entstehungszeit oder ihrem Material. 


“ICH BIN ÜBERZEUGT, DASS EINE GUTE AUSSTELLUNG EIN WEG IST, DER IM INNEREN DES KUNSTWERKS BEGINNT UND STETS ÜBER DIE ABSICHTEN, DIE BIOGRAFIE, DIE IDENTITÄT IHRES SCHÖPFERS UND ALL DIE WORTE, DIE DARÜBER GESCHRIEBEN WURDEN, HINAUSFÜHRT.” 


Genauer gesagt ist der Berliner Wasserturm ein einzigartiger Ort, sowohl architektonisch und räumlich als auch hinsichtlich seiner früheren Funktion und historischen Hintergründe. Wie sind diese Aspekte in deine Planung der Ausstellung eingeflossen? 


Noam: Ich empfinde es oft als Risiko, wenn ein sehr eindrucksvoller und geschichtsträchtiger Ort für die Präsentation zeitgenössischer Kunst gewählt wird. Als wir den Wasserturm zum ersten Mal betraten, war es draußen ein kalter, nasser Februarmorgen, und drinnen herrschte eine stille Dunkelheit aus einer anderen Zeit. Die Idee, Musik in diesen dunklen, schweren Raum zu bringen, hat mich sofort angesprochen. Musikinstrumente und die menschliche Stimme haben die Fähigkeit, traumatische Erinnerungen zu vertreiben, nicht wahr? Und zugleich die Kraft, sie neu zu entfachen… Doch irgendwann wurde klar, dass dieser riesige, massive Zylinder aus Ziegeln und Erde selbst Klänge tragen und widerhallen lassen kann, die kaum visuelle Unterstützung brauchen, wenn überhaupt. 

Dann zum Thema Poesie, Worte und Sprache. Du hast dich entschieden, eine Auswahl zweisprachiger Gedichte zu zeigen. Wie siehst du die Beziehung zwischen der visuellen, physischen Präsenz dieser Objekte und ihrer Bedeutung, den Stimmen, die sie sprechen? 


Noam: Im letzten Jahr fiel es mir, wie vielen Menschen in meinem Umfeld, immer schwerer, auch nur einen einzigen positiven Gedanken, ein einziges Bild oder eine einzige Idee festzuhalten, die mir Frieden und Hoffnung schenken könnte, selbst nur für einen Moment. Kunst schafft das für mich: Musik, Tanz und Poesie. Yael erzählte mir von der ursprünglichen Idee, ein Musikfestival mit Schwerpunkt auf Duetten zu organisieren, und


“…DIESER GEDANKEN BRACHTE MICH ZUM LÄCHELN. DIE VORSTELLUNG, VERSCHIEDENE KREATIVE LINIEN ZUSAMMENZUFÜHREN UND SIE MITEINANDER VERWOBEN SEIN ZU LASSEN, SO WIE ES MANCHMAL ZWISCHEN EINEM GEDICHT UND SEINER ÜBERSETZUNG GESCHIEHT – WENN ES GUT IST, LÄSST SICH KAUM SAGEN, WAS AUS DEM ORIGINAL UND WAS AUS DER ZIELSPRACHE IN DEN EIGENEN GEDANKEN AUFTAUCHT.” 


Also dachte ich mir, wenn die Besucher/innen den Wasserturm betreten, befindet sich die Bühne im Zentrum, von dort pulsiert die Musik. Doch entlang der äußeren „Haut“, die Bühne und Publikum umgibt, werden kleine Gedichte auf lentikularen Postkarten angebracht. Kippen die Besucher/innen die Karte leicht in die Hand, sehen sie entweder das Gedicht oder ihre Übersetzung. Es ist schwer, einen einzigen klaren Text zu erfassen, meist sieht man beides gleichzeitig, ineinander verschoben, kaum lesefreundlich. 


“MIT EINEM GEDICHT ZU SEIN, IST EINE ART VERPFLICHTUNG, ES BRAUCHT ZEIT. ABER ES SOLLTE AUCH NICHT SO STARR UND STABIL SEIN. WIR MÜSSEN MIT DEM SPIELEN, WAS WIR WISSEN, MIT DEM, WAS WIR FÜR RICHTIG HALTEN, UND GENAU HINHÖREN, SOGAR AUF DAS LEISE GERÄUSCH UNSERES HANDGELENKS, WENN ES SICH BEWEGT.”




Von Ofir Dor 











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