„Every Wave is New“ Interview mit Katharina und Max Renneisen
3. September 2023
| VON
Ofir Dor
Vielleicht könnt ihr uns kurz erzählen, was euch dazu bewogen hat, diese Doppelausstellung zu realisieren, und was für euch das Wesentliche dieser Paarung ist?
Katharina & Max: Wir sind Lebenspartner und arbeiten seit Jahren Seite an Seite, unsere Ateliers liegen nebeneinander und sind durch eine Verbindungstür miteinander verbunden. Daher war es für uns immer ganz natürlich, täglich über unsere Kunst zu sprechen.
Unabhängig davon, ob sich unsere Ansichten und Ideen ergänzen, erweitern oder widersprechen, haben sich diese Dialoge für uns beide als sehr fruchtbar erwiesen. Tatsächlich haben wir erkannt, dass sie einen wesentlichen Teil unserer Arbeit ausmachen und die Richtung vorgeben.
Dies spiegelt sich auch in den Werken selbst wider: Im Allgemeinen teilen wir beide einen figurativen Ansatz sowie eine Vorliebe für handwerkliche Präzision und klassische Themen. Obwohl wir mit unterschiedlichen Medien arbeiten, spielt das jeweils andere Medium eine wichtige Rolle in unseren Arbeitsprozessen, da Max fotografisches Ausgangsmaterial für seine Gemälde verwendet und Katharina viele ihrer Schwarz-Weiß-Fotografien von Hand koloriert.
"EINE GEMEINSAME AUSSTELLUNG GIBT UNS DIE MÖGLICHKEIT, DIE VIELFÄLTIGEN WECHSELBEZIEHUNGEN ZWISCHEN UNSEREN WERKEN SICHTBAR ZU MACHEN"
und durch ihre Gegenüberstellung eine neue Dimension hinzuzufügen. „Every Wave is New“ ist unsere dritte Doppelausstellung, und wie schon bei den letzten Malen haben wir Werke ausgewählt, die auch thematisch miteinander verknüpft sind: Wellen und Wasser tauchen sowohl in Katharinas Landschaften als auch in den Hintergründen von Max’ Tier- und Aktdarstellungen auf.

Eure Werke zeichnen sich durch eine komplexe Wechselbeziehung zwischen Malerei und Fotografie aus. Die Rollen tauschen sich ständig: Gemälde, die auf Fotografien basieren (die wiederum auf einer aus der Malerei stammenden Bildtradition beruhen), und umgekehrt Fotografien, die sich auf Landschaftsmalerei beziehen, beinahe wie Gemälde wirken und handgemalten Bildern sehr nahekommen. Könnt ihr dazu etwas sagen?
Katharina & Max: Im heutigen digitalen Zeitalter ist die visuelle Kultur durch eine Fülle von Bildern geprägt. Wir haben beide einen kunsthistorischen Hintergrund und betrachten die Bildgeschichte als ein unerschöpfliches Repertoire, aus dem wir viele unserer Ideen und Ikonographien ableiten. Bereits existierende Bilder, seien es Kunstwerke oder Fotografien aus der Massen- und Alltagskultur, dienen uns häufig als Inspiration, Ausgangspunkt oder Ausgangsmaterial für unsere Kunst. Unweigerlich geht es bei diesem Transformationsprozess auch immer um Medienreflexion und um die Frage, was man dem eigenen Medium auf der Grundlage seiner Geschichte hinzufügen kann.
"DA DIE FOTOGRAFIE SEIT IHRER ERFINDUNG IN EINER KOMPLEXEN WECHSELBEZIEHUNG ZUR MALEREI STEHT, BESCHÄFTIGEN WIR UNS AUCH MIT DER SCHNITTSTELLE ZWISCHEN DIESEN BEIDEN MEDIEN."
In ihrem Werkzyklus „Paysage“ entwickelt Katharina einen Ansatz für das Landschaftsgenre, der fotografische und malerische Techniken zu einer Synthese verbindet. Für ihre Motive lässt sie sich vor allem von der französischen Landschaftskunst des 19. Jahrhunderts inspirieren. Damals entdeckten sowohl Maler als auch Pioniere der Fotografie ihre heimische Natur als Sujet und verewigten Orte wie den Wald von Fontainebleau, das Tal der Loue oder die Küste der Normandie. Ausgehend von diesem klassischen Bildrepertoire
"RECHERCHIERT KATHARINA NACH POTENZIELL INTERESSANTEN ORTEN UND BESUCHT DIESE, WENN SIE IHR AUCH HEUTE NOCH DARSTELLUNGSWÜRDIG ERSCHEINEN. VOR ORT ARBEITET SIE MIT EINER ANALOGEN GROSS- ODER MITTELFORMATKAMERA, UM DIE NATUR IN EINER DETAILGENAUIGKEIT FESTZUHALTEN, DIE NUR MIT FOTOGRAFISCHEN MITTELN ERREICHT WERDEN KANN."
Zurück in der Dunkelkammer entwickelt sie die Schwarz-Weiß-Negative und fertigt daraus Silbergelatineabzüge an, die sie anschließend mit Ölfarben von Hand koloriert. Diese Technik ist keineswegs aus Nostalgie gewählt, sondern weil sie eine Interpretationsfreiheit bietet, die der Malerei näher kommt als jedes analoge Farbverfahren oder die digitale Fotografie. Indem sie die Silbergelatineabzüge wie eine Grisaille-Untermalung nutzt und mit Ölfarben übermalt, bleibt die fotografische Augenblicklichkeit erhalten und wird zugleich transzendiert. Das Ergebnis sind ebenso unmittelbare wie zeitlose Landschaftsbilder.

In ähnlicher Weise,
"BASIEREN AUCH MAX’ WERKE AUF EINER VIELZAHL UNTERSCHIEDLICHER EINFLÜSSE. IN SEINEM SCHAFFENSPROZESS KOMBINIERT ER INSPIRATIONEN AUS DER GESCHICHTE DER MALEREI MIT SOLCHEN AUS DER MODERNEN BILDSPRACHE, UM EINEN ZEITGENÖSSISCHEN ZUGANG ZU KLASSISCHEN THEMEN DER MALEREI ZU ENTWICKELN, ETWA ZU TIERDARSTELLUNGEN UND AKTDARSTELLUNGEN IN DER NATUR."
In beiden Werkgruppen zeigen die Hintergründe Landschaftsszenerien im Stil alter Meister, während die Figuren im Vordergrund aus fotografischem Ausgangsmaterial hervorgehen. Was die Tiere betrifft, so bieten die unzähligen hochwertigen Fotografien der verschiedenen Arten, die online verfügbar sind, bislang ungeahnte Möglichkeiten, sie aus nächster Nähe zu studieren. Max überträgt jedoch niemals einzelne Tierfotografien direkt in Gemälde, sondern bezieht stets mehrere Bilder sowie zusätzliche Informationen über die jeweiligen Arten mit ein, die er aus Büchern, Dokumentationen sowie aus Besuchen in Zoos und naturkundlichen Museen gewinnt.
Ziel ist es, zu verdichteten Darstellungen individueller Lebewesen zu gelangen, die zugleich ideale Vertreter ihrer jeweiligen Spezies sind. Das fotografische Ausgangsmaterial für die menschlichen Figuren stammt hingegen überwiegend aus FKK-Magazinen des 20. Jahrhunderts. Unter den mehr oder weniger inszenierten Aufnahmen entdeckt Max immer wieder Bilder, in denen die Posen der nackten Figuren der klassischen Ikonographie des Körpers entsprechen. Bei der Übertragung in die Malerei versucht er, deren Momenthaftigkeit zu bewahren und ihnen zugleich durch die malerische Umsetzung künstlerische Größe zu verleihen.

Max malt Figuren, seien es Menschen oder andere Tiere, während in Katharinas Arbeiten vor allem deren Abwesenheit ins Auge fällt. Wie seht ihr das Verhältnis von Figur und Landschaft?
Katharina & Max: Reine Landschaftswerke, wie Katharinas handkolorierte Fotografien, weisen grundsätzlich einen höheren Abstraktionsgrad auf als Werke, in denen Figuren integriert sind. Ihre Hauptthemen sind die Elemente der Natur selbst, ihre Strukturen und Kompositionen, aber auch das etablierte Gefühl eines Ortes sowie die daraus entstehende Atmosphäre. Während die tatsächliche Größe einer dargestellten Szenerie nicht immer eindeutig bestimmbar ist, setzt die Einführung von Figuren automatisch einen Maßstab. Sofern sie nicht bloße Staffage sind, werden sie zu den Protagonisten des Bildes. Dies gilt ebenso für Max’ Gemälde, in denen die Tiere und Menschen meist dominant im Vordergrund platziert sind. Die Landschaftshintergründe dienen dazu, die Figuren weiter zu charakterisieren und ihre Beziehung zur umgebenden Natur sichtbar zu machen. In seiner Serie „Menagerie“ passt Max die Landschaftskompositionen häufig den dargestellten Tieren an. Inspiriert von der großen Tradition der Porträtmalerei konstruiert er Landschaften mit niedrigem Horizont, weiten Ausblicken und lebhaften Himmeln, um die Tiere als imposante und würdevolle Wesen erscheinen zu lassen. Hier stehen die Figuren und Landschaften in Harmonie zueinander, während im Zyklus „Paradise Lost“ Spannungen und Brüche zwischen den beiden Bildelementen vorherrschen. Obwohl die Werke durch ihre malerische Umsetzung vereint sind, lassen sich die unterschiedlichen Ausgangsmaterialien in Bezug auf Medium und Entstehungszeit im fertigen Bild weiterhin erkennen. In den idealisierten Landschaften wirken die nackten Figuren oft deplatziert, ihre Handlungen mitunter unbeholfen, ihre Frisuren und Accessoires erscheinen wie seltsame Hinweise auf eine Zivilisation, auf die sie offenbar nicht verzichten können.

Was die Motivik betrifft, so bleiben uns in Katharinas Arbeiten, wenn wir einen Ort betrachten, der frei von Personen und Handlungen ist, nur die Elemente zurück. In diesem Fall sind die Protagonisten Wasser – Bäume – Sträucher – Felsen – Himmel. Das Drama entfaltet sich im Zusammenspiel zwischen ihnen. Bei Max hingegen entsteht die symbolische Bedeutung eines Bildes oft durch eine minimale Unausgewogenheit, eine leichte Verzerrung oder eine angedeutete Handlung, etwa durch die Uhr am Handgelenk eines Mädchens als Metasymbol für Zeit und Vergänglichkeit oder durch einen Zeh, der behutsam die Oberfläche fließenden Wassers berührt. Lasst ihr euch von solchen erzählerischen oder dramatischen Assoziationen leiten? Oder handelt es sich eher um eine unbewusste Ebene eurer Arbeit?
Katharina & Max: Grundsätzlich verstehen wir uns beide als Formalisten und verfolgen einen künstlerischen Ansatz, der sich wohl am treffendsten als “l’art pour l’art” beschreiben lässt. Entsprechend werden unsere Schaffensprozesse eher von Ästhetik und Ikonographie als von narrativen oder dramatischen Überlegungen bestimmt.
Dementsprechend
"BEVORZUGT KATHARINA LANDSCHAFTSMOTIVE, DIE ÄSTHETISCH UND KOMPOSITORISCH ÜBERZEUGEN. LANDSCHAFTSDARSTELLUNG IST JEDOCH NIE NUR EINE DARSTELLUNG VON NATUR, SONDERN IMMER AUCH EINE FRAGE VON BEDEUTUNG. IN DIESEM ZUSAMMENHANG INTERESSIEREN SIE INSBESONDERE MOTIVE MIT MYTHOLOGISCHER TIEFE."
Das kann eine Eiche sein, eine Quelle oder eine komplexere Szenerie, in der das Zusammenspiel der Elemente eine beinahe magische Atmosphäre erzeugt. Einige ihrer Arbeiten, etwa “Puits Noir II”, könnten durchaus als imaginäre Bühnen für mythologische Erzählungen dienen, wie beispielsweise Wagners Ring-Zyklus.
"WENN MAX IN FKK-MAGAZINEN NACH MÖGLICHEN MOTIVEN SUCHT, ACHTET ER ZUNÄCHST VOR ALLEM AUF KÖRPERHALTUNGEN UND LICHTFÜHRUNG. OFT ERST AUF DEN ZWEITEN BLICK ERSCHLIESST SICH IHM DER SYMBOLISCHE GEHALT EINER HANDLUNG,"
etwa das Berühren der Wasseroberfläche mit einem Zeh – oder eines Attributs, wie der Uhr und dessen Bedeutung für die jeweilige Figur. Diese Bildelemente fügen den Arbeiten schließlich eine zusätzliche Bedeutungsebene hinzu, die in vielen Fällen ausschlaggebend für die Wahl des Titels und damit für die Interpretation des Werks ist.
Und wenn man sich beide Werkkomplexe betrachtet, fällt natürlich eine starke Kontinuität ins Auge, eine Traditionslinie der Bildgestaltung und figürlichen Darstellungen. Wie verortet ihr eure Arbeit angesichts der heutigen Bilderflut und der sich beschleunigenden Bildrhythmen? Wie geht ihr damit um, akzeptiert ihr sie oder setzt ihr euch bewusst davon ab?
Katharina & Max: In der heutigen Kunstwelt haben wir uns beide stets als Außenseiter verstanden. Wir sind Autodidakten und haben keine Kunstakademie besucht. Unsere künstlerischen Prozesse wurden daher immer von unseren eigenen Interessen und Überzeugungen bestimmt und nicht von einer Orientierung an der Kunstszene. Lange Zeit war uns gar nicht bewusst, wie stark unsere Arbeiten von zeitgenössischen künstlerischen Konventionen abweichen. Natürlich beobachten wir die aktuellen Entwicklungen der visuellen Kultur, und was uns dabei beunruhigt, ist die stetig zunehmende Geschwindigkeit, mit der sich Bildformeln – und mit ihnen auch der Zeitgeschmack – verändern. Gleichzeitig bestärkt uns genau dies darin, weiterhin das zu verfolgen, woran wir glauben, in der Hoffnung, dass unsere Arbeit auch in den kommenden Jahrzehnten relevant bleiben wird.
Von Ofir Dor